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Love over Fear: Wie Neo zum Helden wurde.

Wie die meisten von euch wissen, wohnen wir seit mehr als 2 Jahren in einem zum Loft umgebauten Industriegebäude: das Treppenhaus und die meisten Räume sind offen, mein Schlaf- und das Gästezimmer befinden sich im ersten Stock, die Kinderräume und der (offene) Garderobenraum um die Ecke im Erdgeschoss.

Ist Jil gerade in Nürnberg – wie während der jetzigen Woche – schläft sie mit Neo im Gästezimmer und kümmert sich um sie, falls diese mal nachts raus muss, etc.


Gestern Nacht, 00.50 Uhr.
Ich befinde mich im Tiefschlaf, und werde durch sehr lautes, durchdringendes Bellen geweckt.
Kein Problem, Jil ist da, Neo wird sich schon gleich beruhigen.

Nachdem das Bellen minutenlang nicht aufhört, stehe ich auf und verlasse das Schlafzimmer: Neo steht oben am Rand des Treppenhauses und bellt, so laut sie kann, Jil steht unschlüssig daneben.
Muss Neo in den Hof?

Jil zuckt mit den Schultern, wir laufen im halbwachen Zustand die Treppen runter, öffnen die Tür, und gehen in den Hof, wo Neo eine kleine Pfütze macht.

Wir tappen zu dritt zurück und fallen in unsere Betten.
Endlich Ruhe.

1.05 Uhr.
Das Gebell fängt sofort wieder an und hört nicht auf.
Da Neo als Junghund manchmal Quatsch im Kopf hat und auf die Idee kommt, dass sie nachts spielen will und das lautstark einfordert, reagieren wir erstmal gar nicht: sie hört bestimmt gleich auf.

1.10. Uhr
Neo hört nicht auf, das Bellen ist unerträglich laut.

1.15. Uhr
Ich stehe auf, und sehe Neo und Jil wieder am Fuß des Treppenhauses stehen.
Wir sind beide ratlos.
Jil steigt ein paar Treppenstufen langsam runter, und meint, einen seltsamen Geruch zu vernehmen.

1.17 Uhr.
Ich laufe die wenigen Treppenstufen auch runter.
Rieche nichts, Jil hat sich das vermutlich eingebildet.

1.18 Uhr.
Neo macht weiterhin einen Riesenlärm, Jil beharrt darauf, dass sie Zigarettenqualm oder Alkohol riecht.
Ich frage sie vorsichtig, ob sie vermutet, dass sich jemand Fremdes im Loft befindet?

Jil ist unsicher.
Ich kann es mir zwar kaum vorstellen (immerhin sind wir doch gerade mit Neo hoch- und runtergelaufen), aber schlage vor, dass wir gemeinsam nochmal die Treppe runtergehen und nachschauen, eventuell sogar im Keller.
Ganz wohl ist uns beiden dabei nicht.

1.20 Uhr.
Ich hole meine Brille aus dem Badezimmer (nachts bin ich fast blind mit -10 Dioptrien), und laufe langsam einige Schritte hinter Jil die Treppen herunter.
Neo bleibt am Fuß der oberen Treppe stehen und bellt sich die Seele aus dem Leib.

Als Jil unten ankommt, bleibt sie plötzlich stehen, dreht sich zu mir, reißt die Augen auf, zeigt mit ausgestreckten Arm zu dunklem Garderobenraum und sagt nur einen einzigen Satz:

„OMG, Mum, da ist jemand.“

Dieser Satz, in Verbindung mit dem kreidebleichen Gesicht meiner Tochter, ist das Gruseligste, was ich jemals in meinem Leben gehört habe.

1.21 Uhr.
In diesem Augenblick setzt bei mir bloßer Überlebensinstinkt ein:

Ohne eine Sekunde nachzudenken laufe ich die restlichen Treppenstufen herunter, schiebe Jil zur Seite, und sehe im Dunkeln eine männliche Gestalt, die schlafend auf der Holzbank unserer Garderobe liegt. Ich stehe direkt vor der Person, in meinem Rücken die Türen der beiden Kinderzimmer.

1.22 Uhr.
Ich fange an zu schreien.
Ich schreie so laut, wie ich noch niemals zuvor geschrieen habe, ich schreie so laut, dass ich auf der Stelle ein Kriegsheer anführen könnte, ich schreie so laut, dass ich selbst erstaunt bin, wie furchterregend ich schreien kann.

Es ist kein Kreischen, sondern eher ein tiefes Brüllen, das sich aus einer Mischung aus Todesangst und der Gewissheit „Ich schreie, und dann MUSS er gehen.“ zusammensetzt.
Ich muss zwischendurch keine Luft holen, ich schreie einfach am Stück durch, ich schreie und schreie und schreie, es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.

Jil brüllt mit, aber das bekomme ich in diesem Augenblick nicht mit.

1.23 Uhr.
Ich schreie immer noch, als der Mann wach wird und aufsteht.
Ich strecke schreiend meine Hand zur Tür und brülle so laut und durchdringend, wie es nur geht:
„Raaaaaaaaaaaaauuuuuuus!!!!!!!“

Der Mann bewegt sich Richtung Türe, die Jil offen hält, und verlässt unser Haus.
Ich nehme einen starken Alkoholgeruch wahr, und dann ist alles vorbei.

1.24 Uhr.
Ben öffnet seine Zimmertüre und fragt, was los sei.
Ich entgegne, dass direkt vor seinem Zimmer ein betrunkener Mann geschlafen habe, und wir ihn eben entdeckt hätten.

Ben meint seelenruhig: „Mein Gott, Mum. Du hast geschrieen, als ob dir ein Mörder gegenüber gestanden wäre.“, ist nicht weiter beeindruckt, und geht wieder ins Bett.
Hätte ich erzählt, dass der Mann das Nutella klauen wollte, hätte Ben garantiert auf der Stelle Panik bekommen.

1.25 Uhr.
Noelle öffnet ihre Zimmertüre und fragt, warum ich so geschrieen hätte.
Nachdem ich es ihr in Kürze erzählt habe, meint sie zufrieden, dass sie ja wieder erstmal wieder schlafen gehen kann.
Als ich sie übrigens am nächsten Tag erstaunt frage, warum sie so gelassen war, sagt sie: „Ich wusste doch, dass uns nichts passieren kann.“
Ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie die beiden jüngsten Kinder nicht bereits vom Bellen wach wurden.

1.26 Uhr.
Jil und ich gehen die Treppe hoch, wo Neo auf uns wartet, zwar noch sehr unruhig hin und her rennend, aber ohne zu Bellen.
Neo, der Dobermann, mein Stupshund, ein Hund wie ein Ferrari und unser Held:
am liebsten würde ich ihr einen Orden verleihen.
Keinen Tapferkeitsorden zwar – sie ist noch sehr jung und hatte selbst so viel Angst – aber auf jeden Fall einen Wachsamkeitsorden.

Wir legen uns zu dritt in Jils Bett, und versuchen, das Erlebte zu verarbeiten – der Adrenalinschub könnte nicht größer sein.

1.36 Uhr.
Ich gehe zurück in mein Bett, mein Herz pocht immer noch, und mein Blut rauscht durch die Adern – es wird noch ganze 2 Stunden brauchen, bis mein Körper zur Ruhe kommt.
Währenddessen scheuche ich Gedanken weg, die mit aller Gewalt auf mich einstürmen wollen, in etwa:

… war ich eigentlich absolut verrückt, ohne jegliche Sicherheit vor den Eindringling zu treten? Und falls ja: was hätte ich denn sonst tun können? Baseballschläger unter dem Bett? Sieht bestimmt überzeugend aus, wenn eine zierliche Person wie ich den Schläger schwingt. Wer da keine Angst bekommt!

… wie konnte der Mann unbemerkt reinkommen, und VIEL SCHLIMMER: wie lange schlief er schon in diesem Raum?

… werde ich mich jemals wieder in meinem eigenem Haus sicher fühlen? Oder werde ich bei jedem Geräusch zusammenzucken, wenn ich alleine bin?

… brauche ich noch mehr Dobermänner? Wie wär’s mit Zeus und Appollo, die Eindringlinge angreifen, und nicht nur von 2 Stockwerken aus anbellen?

… soll ich morgen mehrere Schlösser anbringen lassen? Alles austauschen?

… brauche ich nun doch einen Mann an meiner Seite? Potenzielle Bewerber bitte eine Mail an joanna@liebes-botschaft… , Alter und Kontostand egal, sollten über 1,80 groß, volltätowiert, und gut gebaut sein, und eine Laufbahn als ehemalige Hells Angels-Mitglieder und/oder Streetgang-Anfüher und/oder Sondereinsatz-Kommando-Mitarbeiter vorweisen können. Grundkenntnisse in Kampftechniken setze ich voraus (just kidding).

Ich bin sicher, dass jeder dieser Gedanken gerade zu absolut nichts führt, mache mir bewusst, dass die Situation auf’s Äußerste gruselig, aber nicht wirklich gefährlich war – die Person war betrunken, und höchstwahrscheinlich ohne böse Absicht durch eine Türe, die die Kinder nicht richtig geschlossen hatten, eingetreten.
Außerdem sieht unser Eingang aus, wie der Eingang zu einem Mehrfamilienhaus mit öffentlichen Treppenhaus.
Trotzdem dauert es noch, bis der Körper das Adrenalin abbaut, und irgendwann schlafe ich ein.

5.50 Uhr.
Ich werde wach und weiß mit einem Mal mit absoluter Überzeugung:
es ist hier MEIN Haus, und KEINER wird mir die Bewegungsfreiheit oder Sicherheit nehmen.
Kein Erlebnis, kein Mensch, kein gar Nichts.
Nichts und niemand darf das, wenn ich das nicht zulasse – und ich lasse es garantiert nicht zu.

So unverständlich sich das gerade lesen mag, aber eine unendliche Freude durchströmt mich in diesem Augenblick, und weil ich gerade so schön dabei bin, beschließe ich noch mehr:
ich beschließe, dass so etwas nie wieder vorkommen wird.
Und dann beschließe ich, dass mir nie wieder irgendeine Situation so einen Schrecken einjagen wird (no pressure, though).
Und dann beschließe ich, dass ich gleich mal doppelt so unbeschwert und angstfrei und unbekümmert sein werde (trotzdem die Türe gut zuziehen, so mitten in der Stadt).
Und dann beschließe ich, es auf der Stelle auszuprobieren.

Während alles noch schläft, hole ich meine Brille und gehe alleine in den Keller (unser Keller ist so groß, vollgestellt und dunkel, dass dort 3 Familien wochenlang unbemerkt leben könnten, wie meine Kinder manchmal scherzhaft sagen).
Ich laufe durch alle Räume, schaue in alle Ecken, und bin so richtig gut gelaunt.

So furchterregend, unheimlich und grauenvoll die Situation in der Nacht gewesen sein mag – für mich fühlt es sich in Nachhinein nicht wie ein Trauma an.
Es fühlt sich erstaunlich überlegen an.
Es fühlt sie sich nur noch wie ein Sieg der Liebe über die Angst an.

8.30 Uhr.
Ich fahre zum Markt, kaufe Neo frische Knochen vom Bio-Metzger und 40 handgemachte Pralinen mit Passionsfrucht-Füllung für Jil und mich:
ich bin stolz auf Neo, stolz auf Jil, stolz auf mich, und feiere uns so richtig.

9.30 Uhr.
Da am heutigen Vormittag ein Tierarzt-Termin ansteht, quetschen sich alle anwesenden Ärzte und Tierarzt-Helfer in das kleine Untersuchungszimmer, um erstmal die Heldenstory von Neo zu hören.
Apollo und Zeus, Pah!

Liebesgrüße
Joanna

P.S.
Als Jil am späten Morgen Quinoa für das Frühstück zubereitet, und sich bei Noelle bedankt, dass diese die Herdplatte runtergedreht hätte, weil es sonst übergekocht wäre, entgegnet Noelle:
„Aber ich war das doch gar nicht. Das war der Dude, der vorhin aus dem Fernsehzimmer kam.“

Endlich haben wir wieder einen Insider, der die Vorlage für ganz viel Lustiges bietet.

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19 Comment

  1. Reply
    Nike
    27. April 2018 at 19:20

    Ohhhje! Manchmal können wir wirklich stolz auf unsere Wachsamen Tiere sein. Ich hoffe, Ihr habt den Schock einigermaßen verdaut.

    Meine Mutter schläft übrigens tatsächlich mit einem Baseballschläger neben dem Bett. Aber eingebrochen hat keiner mehr, seit der Hund vor 10 Jahren eingezogen ist.

    Ich würde mir das mit Zeus & Apollo noch mal überlegen – alleine des Nostalgie-Faktors wegen. Aber dann muss auch der rote Ferrari her!

    Ich wünsche Euch ein super Wochenende!

  2. Reply
    Wilkens, Pia
    27. April 2018 at 19:21

    Okay…….brauche einen Hund! Danke Joanna……

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:10

      Das war doch gar nicht die Message ;))!

  3. Reply
    Jules
    27. April 2018 at 20:10

    OMG, allein beim Lesen mache ich mir fast in die Hose und bin heilfroh, dass meine Kinder links und rechts von mir friedlich schlafen und meine Beaglemaus in ihrem Körbchen laut schnarcht.

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:20

      Währendessen habe ich mich auch gefürchtet ;).

  4. Reply
    Wiebke
    27. April 2018 at 20:54

    Liebe Joanna.
    Was für ein Schreck und was für eine Geschichte.
    Großartig wie sich Neo, JIL und du verhalten haben.
    ( musste aber auch ein wenig über Ben und Noelle schmunzeln )
    Du hast es aber auch wirklich herrlich bildhaft beschrieben .
    Das entspricht sicherlich nicht den Verhaltensregeln die, die Polizei empfehlen würde – hat aber sein Ziel nicht verfehlt.
    Am schönsten aber finde ich das du deine Philosophie lebst –
    Ich wünsche euch das ihr heute und die nächsten Nächte gut schlafen könnt und der Schreck nicht zu lange nachwirkt .
    Ganz viel Liebe für euch .
    Wiebke

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:13

      Ich konnte in dem Augenblick ausschließlich intuitiv handeln – da überlegst du nicht, was „richtig“ wäre, glaub‘ mir ;)…

      Der Schreck wirkt gar nicht nach :)!

  5. Reply
    Susanne Velten
    27. April 2018 at 22:23

    OH MEIN GOTT, ich wäre gestorben!
    Aber da siehst du mal, was für eine Intuition Tier haben! So krass!!!! Der Hund hat die Couch verdient……. du weißt was ich meine, gell 😉

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:14

      Ich hatte auch den Schreck des Todes ;).

  6. Reply
    Gabriele Kleinertz
    28. April 2018 at 9:19

    OMG, ihr seid wirklich wirklich wirklich die coolste Familie …. sowas von furchtlos und krass und stark …… Danke Joanna, dass du das mit uns teilst …….gibt eine neue klare Sicht ….. und nimmt Angst (vor was auch immer). Ich liebe das !!!!!!!!!!! Ich könnte Bäume ausreißen 🙂
    Vielen Dank, ich liebe dich
    Gabriele

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:16

      DANKE ♥♥♥!!!

  7. Reply
    Paula
    28. April 2018 at 10:25

    ich liebe deine Art zu schreiben! als der Dude-Part da war, bekam ich Gänsehaut..als lese ich ein Krimi… aber das schönste: diese Erkenntnisse, die Situationen bleiben, die Attitüden machen den Unterschied. Das Neo der schönste, edelste Wachhund überhaupt ist..ist ja klar oder?.. Alles Liebe.

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:18

      Vielen Dank, liebe Paula!

  8. Reply
    Susan
    28. April 2018 at 10:27

    Wow, wow, wow, was eine Geschichte!!! Was ein Erlebnis!!!
    Und nein, du brauchst weder Magnum, noch seine Hunde! Du hast alles im Griff! Super!!!
    Liebe Grüße

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 22:19

      Yeeeeees 🙂 ♥!

  9. Reply
    Bettina
    28. April 2018 at 19:29

    Die meisten sind von Neo begeistert (und das aus gutem Grund) – und ich bin von Dir begeistert und von Deiner Reaktion. Wie Du Deinen Schrei beschrieben hast – stark. Dir möchte ich nicht im Dunkeln begegnen 😀
    Ganz liebe Grüße und herzlichen Glückwunsch!!

    1. Reply
      Joanna
      28. April 2018 at 19:39

      Vielen Dank!
      Aber ich habe nicht mehr vor, jemals wieder so zu schreien ;).

  10. Reply
    Yushka Brand
    4. Mai 2018 at 8:49

    Hahaha, zu geil! Ich musste so lachen und ganz sicher hat hier nur einer jetzt einen bleibenden Schreck des Todes – der Dude, der da so selig geschnarcht hatte… 😀 Knuddels an dich und die Kinder und natürlich an die Heldin!
    Bis bald mal wieder!
    Yushka

    1. Reply
      Joanna
      4. Mai 2018 at 9:01

      Also gelacht hat hier keiner… zumindest nicht währenddessen.

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