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Kolumne, Lifestyle

Corona Diary: Von wilden Tieren und Dankbarkeit.

 

 

Zeigte sich vor ca. 2 1/2 Jahren der zweite Strich auf dem Covid-Test, erntete man besorgte Nachrichten von Familie und Freunden, Kisten mit frischem Obst und Gemüse (und Trüffelpaste!), die direkt vor der Türe abgestellt wurden und auch ansonsten allerlei Aufmerksamkeit.

Im August 2022 gibt es höchstens eine Abwesenheitsbenachrichtigung in den Mails und das unbefriedigende Gefühl, dass man eine „last last Season“ – Seuche hat (kann man schon tragen, aber der WOW-Faktor fehlt).
Die Kisten vor der Türe stellt der Lieferdienst ab.

 

Montag.

Ich wache mit diffusen Erkältungssymptomen auf – diese verspürte ich bereits am Vortag und ließ mich gleich zwei mal hintereinander testen, beide Male mit einem negativen Ergebnis.

Ich beschließe, es langsam angehen zu lassen: Tee und Netflix im Bett an einem Montagmorgen fühlen sich unfassbar falsch und gleichzeitig grenzenlos luxuriös an.
Der Tee schmeckt köstlich, ich genieße das Nichtstun, döse und warte auf Jil, die heute noch aus Berlin ankommen wird – wir haben diese Woche viel zu tun und ich freue mich ganz besonders auf das Team-Meeting.
Meine Laune ist großartig, lediglich mein Körper schmerzt vor leichtem Fieber, obendrauf kratzt mein Hals und so teste ich erneut.
Diesmal mit einem positiven Ergebnis.

Da ist Jil bereits unterwegs und wir müssen unsere Pläne anpassen:
Gefolgt von einer kurzen Diskussion (ich behaupte kategorisch, übermorgen wird alles vorbei sein, Jil besteht auf eine Auszeit von zehn Tagen) erstellt meine Tochter einen Essens-Plan, ich bekomme eine große Kanne mit Ingwer und Zitrone und jede Menge Medikamente vor die Türe gestellt.
Abends habe ich spontan Lust auf salziges Popcorn, das bekomme ich nicht vor die Türe gestellt, weil „wir nur süßes haben.“
Die Begründung überzeugt mich nicht, 7/10 Punkten für den Service hier.

 

 

Dienstag.

Ich bestelle via WhatsApp einen Blaubeer-Smoothie und frische Croissants zum Frühstück beim hauseigenen Lieferdienst (das Rufen gestaltet sich schlecht, weil meine Stimme versagt).
Anschließend möchte Jil ins Fitnessstudio – „Aber nur für 30 Minuten.“
Ich erkläre, dass höchstens 30 Minuten für mich akzeptabel wären, ansonsten bekäme ich Lust auf ausgefallene Dinge zum Essen, Jil fragt, ob Lamm auf Cranberry Jus mit Papaya Reduktion genehm seien, ich entgegne, dass ich auf einen Hauch Minze bestehe.
Corona, but make it anstrengend für alle Beteiligten.

Meine Kinder kaufen Lebensmittel ein und bereiten massenweise Essen vor:
Es gibt Kurmuka-Ingwer Shots, asiatischen Garnelensalat, Rote Linsensuppe, Curry mit Kichererbsen und Pastasoßen.

Im Laufe des Tages bekomme ich alles vor die Schlafzimmer-Türe geschoben, worauf ich gerade Lust habe und während ich es ins Zimmer hole, wenn keiner mehr in Sichtweite ist, erinnert mich die groteske Situation an ein Monster im Horrorfilm, dem man Tribut zollen muss, damit es nicht die Hausbewohner frisst.

 

Mittwoch.

Habe am Vortag ganz Netflix durchgeschaut („ganz Netflix“ = eine Serie) und mache nun Pläne für den restlichen schönsten August aller Zeiten.
Ich finde, die restlichen drei Wochen müssen es jetzt so richtig bringen, nachdem man die erste im Bett verbringen musste.

Speaking of Netflix:
Nach sämtlichen Folgen „Uncoupled“ finde ich „männlich, schwul, reich und in New York lebend.“ eine durchaus akzeptable Alternative zu meinem Leben.
Sieht man von den Sex-Szenen ab: Die Interiors? Der Sinn für Humor? Das Stilempfinden? EXCUSE MEEEEE?!
Gerade rechtzeitig fällt mir ein, dass ich nicht schon wieder umziehen kann.

Die Motivation des Caterings lässt so langsam nach.
Auf mein Nachfragen, was es denn zum Frühstück gäbe, antwortet Jil mit einem Bild auf dem Fitnessstudio: Sie laufe gerade rückwärts.
Ich rate ihr, SCHNELLER ZU LAUFEN, schließlich könnte ihre Mutter beinahe sterben, Pandemie und so, aber na ja.

Auch wenn die Seuche gekoppelt mit dem „Vor die Türe stell'“- Dienst einem eindeutig Pest- und Cholera-Vibes gibt, muss ich zugeben:
Ich genieße es so richtig ausgiebig, offiziell nichts zu tun (dürfen) und bin jede Sekunde dankbar.
Klar schmerzt mein Körper und ich bekomme keine zwei Sätze ohne einen Hustenanfall heraus, aber ich liege in feinster Bettäsche in einem unfassbar schönem Apartment, habe auf meinem Laptop ein schier endloses Entertainment-Programm zur Verfügung, esse die köstlichsten, frischen Mahlzeiten und habe allerlei Medikamente zur Verfügung, die den Genesungsprozess beschleunigen.
Ich muss mich weder um kleine Kinder noch um einen Hund kümmern, das Team schafft das morgige Meeting wunderbar ohne mich, kein Partner ist genervt und ich kann tun und lassen, was ich will. Und wann ich es will.
Let me be ugly in peace.

 

In diesem Zusammenhang klingt es beinahe grotesk, aber: Ich mache mir die schönste Zeit.
Und tatsächlich HABE ich auch die schönste Zeit.
Nur, weil es meinem Körper gerade schlecht geht, muss es MIR noch lange nicht schlecht gehen.
Wenn man kurz das Narrativ „was man im August bei diesem Wetter tun sollte.“, weglässt, dann habe ich die schönste erste Augustwoche aller Zeiten.
Anders als erwartet, zugegeben.
Aber nicht weniger schön.

 

 

 

Donnerstag.

Was man bei diesem Wetter im August nachts auf alle Fälle tun sollte:
Die Fenster sperrangelweit öffnen, um die Hitze des Tages hinaus- und die Kühle der Nacht hereinzulassen.
Was man zusätzlich zur frischen Luft bei offenen Fenstern ins Apartment hineinlässt, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner von uns.

Am allerwenigsten Jil, die vom leisen Scharren und Kratzen um vier Uhr morgens geweckt wird und den Rest der Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer verbringt.
Wir finden „Es“ auch in den späteren Morgenstunden nicht und sind sicher, dass das Tier nun forever im Zimmer versteckt leben wird.
Nur, um an manchen Nächten herauszukommen.
Der Grimm.

War ich am ersten Corona Day noch davon überzeugt, dass ich dank Seuche endlich ewig sinnloses Zeug im Internet schauen kann, OHNE ZEITLIMIT, beste Leben, bin ich am Tag vier kurz davor, jemanden zu bitten, mir das Laptop wegzunehmen.
Ansonsten gerate ich sehr in die Versuchung, a) eine komplett neue Garderobe (wegen irgendwelchen Hauls), b) vier neue Düfte (wegen anderen Hauls), c) drei Haaröle (wegen Videos mit Vorher-Nachher), d) ein Landhaus (wegen AD auf YouTube), und e) einen Porsche Oldtimer (wegen too much Pinterest) online zu bestellen.
Weil allerdings genau genommen höchstens eine neue Hose drin gewesen wäre, komme ich ins Gefängnis wegen Konsumschulden, kann da nicht cool Liebesbotschaft schreiben, es wäre für uns alle besser, wenn jemand jetzt mein Internet abschaltet.

Zurück zur nächtlichen Fauna-Situation:
Nach reichlicher Recherche und mehreren Nachrichten sind wir uns inzwischen einig:
Beim ungebetenen Besucher muss es sich um eine Fledermaus gehandelt haben.

UND DAS MACHT ES FÜR MICH CA. 1 MILLION MAL SCHLIMMER.

Bin tief davon überzeugt, dass ich nachts mit Corona nackt und schreiend auf die Straße rennen, den Krankenwagen, die Polizei und die Feuerwehr rufen, aber ganz sicher NICHT ALLEINE MIT EINER FLEDERMAUS IN DER WOHNUNG BLEIBEN WERDE.

Im Geiste zähle ich die Vor- und Nachteile des Single-Seins auf.
Pro: Peace of Mind und immer happy.
Contra: Keiner da, der die Fledermaus verjagen kann.

Potenzielle Bewerber mit der Voraussetzung „Kann Fledermaus verjagen“ dürfen sich nach Corona bei mir melden.
Idealerweise bringen die Kandidaten auch das Landhaus und den Oldtimer Porsche mit, wir sparen uns viel Stress wegen meiner bevorstehenden Haft.
So low sind meine Standards zur Zeit.

 

Freitag.

Jil ist wieder in Berlin, ich verbringe die Nacht im Gästezimmer – das mache ich ab und zu, wenn hier keiner übernachtet, weil es dort sehr ruhig und kühler als im Rest des Apartments ist.
Und dann höre ich es: Das Scharren und Rascheln, ein eindeutiges organisches Geräusch, das auf ein Tier hinweist.
Ich öffne das Fenster, schließe die Zimmertüre und schlafe nun doch im eigentlichen Schlafzimmer.

Als ich am frühen Morgen wach werde, wechsle ich wieder in Gästezimmer – was auch immer es war, es wird inzwischen weggeflogen sein? – und nippe dort an meinem Tee.
Plötzlich nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr: Auf dem weißen Laken direkt neben mir sitzt eine… Riesenmotte? Zikade?
Das Tier ist dunkel, hat samtige, beharrte Flügel und misst ca. 8cm (oder einen Meter fünfzig, was weiß ich, wie ich das in meiner Panik einschätzen kann!).
Überlege ernsthaft, ob ich das hier oder das mit der Fledermaus schlimmer finde.

Ich renne aus dem Zimmer und bin sicher, dass ich nun doch umziehen muss.
(Zuvor alles niederbrennen, die kriegen die Wohnung so nie mehr vermietet. Was steht dann in der Anzeige? „Eins der Zimmer von einem Rieseninsekt besetzt„?)
Alle Kandidaten*, die sich aufgrund der Fledermaus beworben haben, muss ich nun enttäuschen.
Suche ab sofort jemanden für behaarte, fliegende Käfer, wie so’n Teil in Stuttgarter Wilhelma, das nur in freaking Brasilien vorkommt.
(*Alle Kandidaten = keiner)

 

Beschließe, dass die Giant-Zikade und ich uns dennoch den schönsten Freitag machen.
Sie in ihrem Zimmer, ich im Rest der Wohnung.

Später fange ich die Hausmutter (okaaaay? Hatte die 3 mal so groß in Erinnerung?) vorsichtig mit einem Glas und entlasse sie nach draußen.
Sie fliegt unbeeindruckt davon, als sei sie gar nicht die Ursache der nächtlichen Größenwahnvorstellungen gewesen, immerhin wurde sie zwischenzeitlich für eine Fledermaus gehalten, ein kurzes Danke für den Selbstbewusstseins-Boost hätte gereicht.

Jil findet, ich sei wie „Schneewittchen, nur mit horrific Tieren.“

Samstag.

Kann man eigentlich beschließen, dass man kein Coronsky mehr hat?
Ich weiß nicht, wohin mit meiner ganzen Energie.
Habe nun ganz Netflix und YouTube durchgeschaut (das weiß man, wenn man anfängt, ganz schlimme Dokumentationen zu sehen, alle Menschen sind böse, die ganze Welt ist schrecklich, wir werden alle untergehen) und anschließend das gesamte Internet leergeshoopt.
Es gibt nichts mehr online zu kaufen, GAR NICHTS, ich war das.
Keiner spricht offen über die Kollateralkosten der Covid-Erkrankungen.

Dinge, die man ernsthaft in Erwägung zieht, wenn man zu viel Online war:

– Dass Töpfern ein super Hobby wäre,
– Wie viele Hühner man auf dem Balkon halten könnte und wie ihre Namen wären, „Guten Morgen, Klaus-Gerhard.“ klingt doch großartig?
– Ob man noch eine Karriere als Profitänzer starten kann, so mit beinahe 50,
– Dass man noch zusätzlich Skincare-Produkte braucht, man hat zwar schon einiges, aber nicht genau DIESES Serum, keiner wird glauben, dass ich als Profitänzer 50 bin,
– Dass die Welt so schlecht ist, jetzt ist’s auch egal, kaufe ich halt die Hühner und das Serum, lieber doch nur das Serum, wohin mit Klaus-Gerhard, wenn ich in New York auf Tournée bin?

Ich googele „Hühnerhaltung in Großstädten“, bereite eine große Portion Salat mit Mango zu und backe abends um acht Zimtbrot mit Himbeeren.
Das ganze Apartment duftet unglaublich gut und das Backen ist fast wie Meditation für mich.

 

 

Sonntag.

Ich werde sehr früh wach und habe das Gefühl, das mein Körper regelrecht nach Bewegung schreit – der Test ist allerdings weiterhin positiv.
Weil es erst kurz nach fünf Uhr ist, fasse ich den folgenden Master Mind-Plan:
Ins Treppenhaus mit der Maske (ich muss ohnehin den Müll rausbringen), dann in mein Auto, das direkt vor meiner Haustüre geparkt ist, in einen sehr abgelegenen Teil des Waldes fahren – ich kenne die einsamen Stellen noch von den Spaziergängen mit Neo.
Die Frische der Luft, die noch sanfte Sonneneinstrahlung, der Duft des Waldes, all das Grün um mich herum berauscht mich regelrecht.
Auf dem Rückweg pflücke ich einen ganzen Becher voller dunkler, glänzender Brombeeren, die meine Fingerspitzen purpulila färben und meine Hände mit ihren Dornen zerkratzen.
Und lange Gräser, die später mein Esszimmer schmücken.
Während der ganzen Zeit begegne ich keiner einzigen Person.

Zum Frühstück trinke ich einen Brombeersmoothie mit Banane, Kokosmilch und etwas Zitronensaft und esse das Zimtbrot.

 

 

Montag.

Heute verzichte ich auf den Test, verordne mir einen weiteren Tag Quarantäne und mache mich im Morgengrauen auf den Weg zum Wald.
Ich entdecke einen Apfelbaum (Schneewittchen is real) und bereite später einen sehr würzigen Apfeltee aus den kleinen, wilden Äpfeln zu.
Er schmeckt sowohl warm als auch kalt köstlich und pusht das Immunsystem ordentlich.

Apfeltee:

2-3 kleine Äpfel (oder 2 große) in Stücke geschnitten – ihr braucht das Gehäuse nicht zu entfernen
2 Stangen Zimt (oder 1 TL Zimt gemahlen)
8 Nelken
3cm Ingwer, grob gehackt
1/2 TL Kardamom, gemahlen
1/2 TL Kurkuma
1 Zitrone
Honig

Alle Zutaten mit 1 L Wasser aufkochen, bei kleiner Hitze ca. 10 Min. köcheln lassen.
Mit einem Sieb abseihen, etwas abkühlen lassen.
Den Saft der Zitrone und Honig dazugeben, heiß oder kalt trinken.

 

 

Montag wird der letzte Tag meiner Quarantäne sein.

Angesichts der Ernsthaftigkeit der Erkrankung mag es vermessen klingen, aber die ungeplante Auszeit war für mich mehr Entschleunigung und Genuss, denn eine üble Notwendigkeit.
Die meiste Zeit des Tages war grenzenlos dankbar.
Für einen Körper, der mir so gut dient, für das Leben in Mitteleuropa, für das enorme Privileg, eine Pandemie-Erkrankung jetzt und nicht zur Zeiten der Spanischen Grippe erleben zu müssen.
Die großen Dinge, aber auch die scheinbar unwichtigen wie ein weiches, riesiges Bett, Bücher und Zugang zum Internet, frische Lebensmittel und die Freiheit, einfach in die Natur fahren zu können.
Mir fallen Hundert Gründe ein.

Man hat stets die Wahl, wann man sein schönstes Leben leben will:
Entweder, man wartet, bis die Corona-Erkrankung endlich vorbei ist.
Oder man endlich den Traumpartner findet.
Oder endlich mehr Geld verdient.
Oder endlich das Eigenheim bezieht.
Oder endlich viel mehr reisen kann.
Oder endlich sein eigenes Business aufgebaut hat.
Oder endlich 20kg abgenommen hat.

Oder man beschließt, dass nichts und niemand einen daran hindern kann, so viel Vergnügen und Genuss und Leichtigkeit gerade jetzt zu leben, wie es einem möglich ist.

 

 

Das mit den Hühnern lasse ich lieber allerdings.

Liebesgrüße
Joanna

 

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