Lifestyle, Travel

November Diary.

„Zwischen den Baustellen Pendeln“ und „Umzüge Organisieren“.
Aus diesen Tätigkeiten bestehen vorwiegend meine Tage (selbstverständlich währendessen immer gut angezogen, weil einer muss auch diesen Job übernehmen).

Das Ganze deshalb im Plural, weil a) das Liebesbotschaft Headquarters aktuell fertiggestellt wird und vieles aus meiner Wohnung dort seinen Platz findet b) das neue Apartment einen neuen Küchenboden bekommt, der alte war leider sehr hässlich, das kann keiner ertragen, die Wände müssen geschliffen und erneut gestrichen, der Stuck angebracht und die Küche aufgebaut werden und c) das bisherige Apartment ebenso renoviert werden muss und so schön die vielen Fenster, Balken und Vorsprünge auch sind, so groß ist der Aufwand für jeden Maler.

In der Zeit dazwischen werden Vintage Möbel restauriert und obendrauf muss ich Jils Video-Equipment aus Berlin abholen, weil sie es unmöglich mit der Bahn transportieren kann.
Wobei ich mir das mit der Windmaschine in einem Zugabteil sehr sexy vorstelle.

Bei diesem straffen Zeitplan ist eine solche Autofahrt natürlich ein weiterer Punkt auf der niemals endenden To Do-Liste (Ich muss nämlich noch eine Arbeitsplatte für die Küche aussuchen. Und einen Herd kaufen. Ach ja, und den Kühlschrank. Weil ohne ist schlecht. Außerdem brauche ich jede Menge Lampen und Teppiche und Tische für das HQ und habt ihr schon gewusst, dass der früheste Liefertermin für Einbauspülmaschinen Ende Mai 2022 ist? Ohne Spülmaschine ist auch schlecht. Und wenn ihr euch gerade „Für welches Objekt denn jetzt?“ fragt, dann ist das nichts Neues, weil mich das alle dauernd fragen.)

Und da meine zukünftige Wohnung keinen Keller vorweisen kann, beschließe ich, im Zuge der Berlin-Fahrt einiges von meiner Einrichtung an die Ostsee zu bringen. Ist sowieso alles irgendwo im Norden, so grob gesehen.

 

Ich packe die hübschen Holzhocker, weiße große Kissen, alte Ruder, die ich im Loft als Deko nutzte und das getöpferte grüne Geschirr, das für die Waldhütte gedacht war – wir erinnern uns – ins Auto und fahre am frühen Sonntagmorgen los.
Es ist ein schöner, kalter Novembertag, schon wenige Stunden später schlendere ich mit dem Mann über einen kleinen Berliner Antiquitäten-Flohmarkt und finde viele hübsche Kerzenständer aus glasierter Keramik und Ton, eine Vintage Lampe aus den 70ern für das Treppenhaus im HQ und eine große japanische Teeschale, die ich für meinen Matcha verwenden möchte.

Die Auswahl auf dem Markt ist klein und erlesen, an diesem Sonntag Nachmittag herrscht eine angenehme und ruhige Atmosphäre, ich fühle mich ein bisschen wie Kelly Wearstler, die auf einem Flea Market in L.A. für Celebrities besondere Teile shoppt.
Der Mann findet das auch und während ich laut überlege, wie viele Kerzenständer ich am liebsten hätte, meint er „Nimm doch einfach alle. Wie immer.“
Ich nehme dann alle. Wie immer.

Wir essen dampfend heiße Pho, holen Jils Equipment und schwarzen Tee to Go mit sehr viel Zucker (leider war der Cheesecake ausverkauft und ich muss das wieder ausgleichen) und fahren weiter an die Ostsee.

Kurz bevor wir ankommen, kaufen wir frittierten Fisch mit hausgemachten Krautsalat vom kleinen Restaurant am Hafen.
Draußen ist es vollkommen dunkel, man hört nur das Geräusch der Wellen, die an die Bootswände schlagen.
Völlig erschöpft falle ich ins Bett und schlafe so gut und lange wie seit Wochen nicht mehr.

Am nächsten Morgen räume ich als Erstes die Küchenregale leer und fülle sie mit dem getöpferten Vintage Geschirr, es sieht so umwerfend gut aus mit seinem schlammgrünen Farbverlauf, dass ich mich kaum daran sattsehen kann.
Wer hätte ahnen können, wie frisch und ungewöhnlich schön dunkelgrüne Teller und Schalen in der weißen Küche wirken?

Während die Sonne im flammenden Rotgold am Horizont aufgeht, trinken wir Tee aus den kleinen grünen Tassen und überlegen, wie man alles umgestalten könnte, ich kann schließlich nicht beim Geschirr anfangen und dann aufhören?
Ich stelle mir ein tiefes, gemütliches Sofa vor, auf dem alle kuscheln und entspannt etwas schauen könnten, der Mann plant einen Kamin.
Vielleicht fangen wir damit an, wenn wir nur noch zwei Baustellen haben, was macht man denn sonst mit so viel Zeit?

Vor der Abfahrt kaufen wir Wurst-Vorräte, dank denen man problemlos drei sybirische Winter durchkommen könnte und frühstücken anschließend köstliche Waffeln mit Avocado, Pilzen und Bacon bei Spotkanie in Stettin.

Es ist einer dieser Novembertage, an dem es leicht nieselt, der Regen fällt sanft, die Straßen der Stadt sind mit einem dicken karamellfarbenen Laubteppich bedeckt.
Wir entdecken ein Café am Rande eines Parks, das „Zimtgarten“ heißt, dort gibt es heiße Schokolade mit Pflaumen und Meringues, hausgemachte Haferflockenkekse mit Cranberries und Kirsch-Crumble, alles sieht unfassbar gut aus und schmeckt auch genau so.

 

Ich bestelle einen Tee mit frischen Orangenscheiben, einer Zimtstange und Nelken, der Park ist menschenleer, das dichte Laub schimmert im satten goldbraunen Ton auf den Wegen und raschelt unter unseren Füßen, der Regen prasselt leise auf den großen Schirm und wir frieren ein bisschen.
Vorsichtig nippe ich am heissen Tee und atme den Duft der Gewürznelken und der nassen Blätter zu meinen Füßen ein.
Irgendwo zwischen inspiriert und entspannt, zwischen erfüllt und vergnügt und im kompletten Gegenteil der erwarteten „Jetzt noch die Fahrt nach Polen, das wird stressig.“ – Vermutung.

Der Mann hält nach neuen Chelsea Boots Ausschau und findet keine perfekten, ich halte nach gar nichts Ausschau und finde Ohrringe mit kleinen Diamanten.
Noch vor der Grenze verschicke ich Abendessenseinladungen und weiß jetzt schon, dass der Wurstvorrat nur einen Abend lang reichen wird.

Das gesamte Auto duftet jedenfalls sehr nach polnischer Wurst, ein bisschen nach Zimttee und vermutlich nach Novemberregen.
Ich kann es nicht so genau sagen.

Liebesgrüße
Joanna

 

 

 

 

 

 

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24 Comment

  1. Reply
    Michaela Golhofer
    9. November 2021 at 8:44

    Liebe Joanna, ich lese gerade Deine Geschichte und fühle mich sehr entspannt dabei. Danke für diese tolle Zeilen, die einem den November sogar super schön erscheinen lässt und jetzt geht es weiter mit dem beruflichen, stressigen Alltag und besserer Laune. Liebe Grüße Michaela

    1. Reply
      Joanna
      9. November 2021 at 8:45

      Sehr gerne ❤️!

  2. Reply
    Frieda
    9. November 2021 at 9:01

    Liebe Joanna, heißt das Café „Zimtgarten“ oder hat es einen polnischen Namen?
    Dein Reisebericht ist so schön und weckt Sehnsucht nach Polen…Danke!

  3. Reply
    Bea
    9. November 2021 at 9:18

    Hiiiiimmmmmmlisch, meine Liebe, einfach ein begnadet guter Text – DANKE !!!

  4. Reply
    Sunni
    9. November 2021 at 9:18

    Was für ein wunderschöner Text. Ich wäre so gern dabei gewesen und hätte mein Polnisch nach 30 Jahren mal wieder stockend und händewedelnd untergebracht, natürlich völlig falsch in Satzbau und Aussprache, aber immer mit dem freundlichsten Lächeln der Welt verstanden. Nie wurde ich so beglückwünscht zu mangelhaften Kenntnissen wie in Polen. Und das Essen…Oh, mein Gott…Danke für den Text! Und weiter so, always take the best – if there is a choice. In case of none, also take the best! Sunni

  5. Reply
    C P
    9. November 2021 at 9:21

    Liebe Joanna,

    wow, was für ein wundervoller Post – sooo stimmig und inspirierend!!

    Ich liebe, liebe, liebe deine Stories- Balsam für die Seele!

    LG Conny

  6. Reply
    Kohl Andrea
    9. November 2021 at 9:43

    So schön geschrieben ❤️ Ich war auf Schritt und Tritt dabei

    LG
    Andrea

  7. Reply
    Tomaszowa
    9. November 2021 at 11:11

    Hello Joanna

    Ich sende herzliche Grüße aus Polen! ❤️

    Tomaszowa

    1. Reply
      Joanna
      10. November 2021 at 10:04

      Pozdrawiam!

  8. Reply
    Carmen Seifert
    9. November 2021 at 11:28

    So wunderschön geschrieben, ich hätte ewig weiter lesen können
    LG Carmen

  9. Reply
    Petra von FrauGenial
    9. November 2021 at 11:43

    Andere erleben das in Jahren, du erlebst das an einem Wochenende. Hammer. Ich will gar nicht wissen was Du Alles schaffen würdest, wenn Du gar nicht mehr schlafen würdest oder wenn der Tag länger dauert als 24 Stunden

    1. Reply
      Joanna
      9. November 2021 at 11:51

      ODER WENN DER BANDSCHEIBENVORFALL GESCHICHTE IST!

  10. Reply
    Adeline
    9. November 2021 at 13:38

    Ich würde sagen, dass das Auto nach Liebe gerochen hat ❤️
    Ich kann es über die Alpen riechen
    Auf die Liebe und den November!

    1. Reply
      Joanna
      9. November 2021 at 14:19

      Ja bestimmt ❤️!

  11. Reply
    Katrin
    9. November 2021 at 14:59

    Ach Joanna, ich sitze gerade nach einem wunderschönen Waldspaziergang auf meinem Balkon in der Sonne und lese deinen wunderschönen Text. Am liebsten möchte ich jetzt auch so einen leckeren Zimttee trinken und diese köstliche Waffel und natürlich danach ein Stück polnische Wurst essen.
    ❤️
    Katrin

  12. Reply
    Rena.spain
    9. November 2021 at 15:52

    Dein Schreibstil ist einfach Nobelpreis-reif und ich fühlte, als würde ich Tee mit Zimtstangen, Nelken etc. trinken und meine Füße im Laub eingraben. Es war eine tolle Reise nach Polen. Danke für die Begleitung.

  13. Reply
    Claudia
    9. November 2021 at 16:18

    Wie schön. Eigentlich ist dein ganzes Leben wie ein Roman, in dem es nie langweilig wird. 🙂
    Ich will das auch. 😉
    Ganz liebe Grüße, Claudia

  14. Reply
    Petra
    9. November 2021 at 16:51

    Sooooo Liebe durch und durch ❤️

  15. Reply
    Elke
    9. November 2021 at 18:09

    Einfach nur schön!!!
    Jetzt gehe ich entspannt in die Badewanne und genieße die Ruhe und den tollen Geruch meiner Duftkerzen

  16. Reply
    Karin Brunschede
    10. November 2021 at 6:39

    Guten Morgen Joanna
    Danke für die zauberhaften Bilder und die Stimmung die Du dadurch transportiert hast. Eigentlich ist der November für mich eine schwierige Zeit die Umstellung von der aktiven Sommerzeit auf den Herbst ist jedes Jahr eine kleine Herausforderung für mich.

    Aber Dein Bild mit der Bank und den Keksen in der Dose versüßen mir heute den Start in den Tag.

    Liebe Grüße aus Brandenburg ( und ich werde mir heute auch eine schöne Bank suchen )
    Karin

  17. Reply
    Biggi
    10. November 2021 at 7:58

    Herrliche Bilder und toll geschrieben und schön, dass es wieder einen Mann an deiner Seite gibt- auch wenn er immer Nichts abbekommt- lächel- und du Sachen findest.
    Gerne wüsste ich ob es mal wieder was von Jil zu Lesen gibt.

    Danke das du uns diesen Herbst-Novembertag versüsst hast.
    LG Biggi

  18. Reply
    Silke
    10. November 2021 at 14:31

    Liebe Joanna,
    ich lese Deinen Blog jetzt schon eine ganze Weile und finde immer wieder Deine Bilder toll. Wenn Du das Liebesbotschaft- Buch fertig geschrieben hast, wie wäre es dann mit einem Bildband? Nur so als Vorschlag, falls Dir mal selber so gar nichts mehr einfällt, mit dem man die Zeit füllen kann- oder wenn gerade mal keine Baustelle ansteht…..
    Lieben Gruß
    Silke

  19. Reply
    Stefanie
    14. November 2021 at 17:58

    Liebe Joanna,

    was für ein wundervoller Text. Und… wie inspirierend es ist den Blick auf so viele schöne Dinge zu lenken – die man oft gar nicht genug wertschätzt. Ich habe mir daraufhin überlegt, was ich alles schönes entdeckt/gemacht/gesehen habe und wie ich es auch so positiv wahrnehmen kann..

    DANKE !

    -Wo ist der Flohmarkt in Berlin ? :-))

    Liebe Grüße !
    Stefanie

  20. Reply
    Claudia
    14. November 2021 at 19:30

    Einfach ein Genuss am Sonntagabend im November deine Geschichten zu lesen. Die Bilder sind wie immer wunderbar und ich überlege seit wie vielen Jahren ich deine Geschichten lese?
    Sehr viele und ich bin noch dabei – alles gute für deine neuen Projekte. Claudia aus Wien

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