Lifestyle

Was du tun kannst, wenn dich ein Mann belästigt.

Dieses Gespräch führte ich vor wenigen Tagen mit meinen Töchtern und hatte anschließend einen großen Wunsch:
Ich will es unbedingt mit euch allen teilen. Und dann wünsche ich mir, dass ihr es mit euren Töchtern teilt. Und diese mit ihren Freundinnen.

Es geht um Belästigung.
Frauen und Mädchen sind weitaus häufiger und vor allem mit schlimmeren psychischen Folgen von verbaler Gewalt und sexualisierten Übergriffen betroffen als Männer.
Die Komplexität dieses Problems reicht tief in das Verständnis der weiblichen Rolle in der Gesellschaft und die Postion der Macht, die Männer immer noch ausüben wollen.

Kurzer Disclaimer:
Mein Text ist kein Männer-Bashing.
Nähe-Distanz-Überschreitungen, mangelnde Empathie und Machtgehabe kommen gelegentlich auch unter Frauen vor.
Eher noch sind Frauen wahre Meisterinnen in subtileren, manipulativen Spielchen und keinesfalls per se die „besseren Menschen“.

Alles, was ich heute tun will, ist, jungen Mädchen und Frauen praktische, einfach umsetzbare Ratschläge zu geben, die tatsächlich weiterhelfen, solltet ihr in eine Situation kommen, in der ihr von einem Mann angesprochen werdet, und es als aufdringlich, übergriffig oder lästig empfindet.
Die Jungs und Männer, die respekt-, humorvoll oder sogar schüchtern/ungelenk mit einer aufrichtigen Intention und echtem Interesse eine Frau ansprechen, können sich derweil entspannen: Ihr könnt quasi nichts falsch machen.
Um euch geht’s überhaupt nicht.

Heute handelt mein Text von den unangenehmen Begegnungen mit dem männlichen Geschlecht, die belastend sind.

Bereit?

1. Wenn du etwas als unangenehm, belästigend oder unangebracht empfindest, dann IST es das auch.

Übergriffe geschehen oft unerwartet, und sind zudem kaum greifbar.
Moment, wie war das gemeint?
Er hat doch gar nichts Schlimmes gesagt/getan?
Was stelle ich mich so an?
Warum ist mir jetzt so übel?

Merksatz:
Wenn du etwas als unangenehm, abstoßend oder widerwärtig empfindest, dann WAR es unangenehm, abstoßend oder widerwärtig.
Du kannst immer, immer, immer deiner Wahrnehmung trauen – es geht niemals um die Worte, es geht IMMER um die Energie dahinter.

Jemand kann einen harmlos klingenden Satz fallen lassen – und dennoch empfindest du ihn als eklig, grenzüberschreitend, übergriffig.
Manche von uns haben eine solche sensible Wahrnehmung, dass sie sogar bestimmte Blicke als unangenehm empfinden – und auch hier stimmt deine Wahrnehmung, denn die Energie spricht lauter, als Worte es könnten.
Auch ein zu nahes Sitzen oder in deiner Nähe Stehen kann belastend sein – ist es das für dich, dann bist nicht DU zu sensibel.
In allen Fällen handelt es sich um Belästigung.

Was also kannst du konkret tun?

2. Lerne vorab 1-2 Sätze auswendig, die du in einer solchen Situation anwenden kannst.

Keiner von uns rechnet mit aufdringlichen Männern und unangenehmen Situationen und das ist genau richtig so: Wir sollten grundsätzlich immer nur vom Besten ausgehen.

Wenn dich allerdings jemand belästigt, bist du so überrumpelt und meist emotional so überfordert, dass du es höchstens schaffst, zu stottern oder zu murmeln und das womöglich noch mit „Bitte?“ und „Entschuldigung, aber…“ zu verbinden.
Deine guten Manieren in Ehren, aber hier geht’s nicht um eine Option, bzw. eine Frage – hier braucht es klare Ansagen und klare Anweisungen.
Hier musst nicht DU dich entschuldigen.

Aus diesem Grund brauchst du einen Standardsatz, den du vorher ein paar Mal vor dem Spiegel übst.
Ich habe kein Interesse. Lassen Sie mich in Ruhe!

Das sagst du bestimmt, selbstbewusst und laut.
BESTIMMT, SELBSTBEWUSST UND LAUT.
Keine „Würden Sie bitte…„- Option, keine Diskussion, kein „Es tut mir leid, aber könnten Sie…
Je kurzer und klarer deine Anweisung, umso besser.
Gossensprache ist nicht nötig, Kraftausdrücke ebenso wenig.

Je besser du das auswendig kannst, umso weniger musst du überlegen, wenn du unter Druck bist.
Mit einer solchen selbstbewussten Reaktion rechnen die meisten Übergriffigen nicht und dann sind sie es, die vor dem Kopf gestoßen wurden.

3. Bitte andere Männer um Hilfe, wenn die Person dich nicht in Ruhe lässt.

Dieser Pro-Tipp kommt von Jil, die in Berlin gerne zu Fuß läuft und manchmal im Dunkeln unterwegs ist – es ist ihr schon ein paar Mal passiert, dass Männer ihr buchstäblich hinterherliefen.

Der Ratschlag funktioniert tatsächlich:
Hört ein solcher aufdringlicher, grenzüberschreitender Typ einfach nicht auf, redet weiterhin auf dich ein oder folgt dir sogar, gehe bewusst auf einen anderen Mann oder eine Gruppe von Männern zu, und bitte LAUT im Hilfe – das kannst du auch in der Bahn/im Bus tun.

Dieser Mann belästigt mich. Bitte helfen Sie mir.

In einer solchen Situation trifft ein männliches Ego auf ein anderes männliches Ego, und die Situation wird gelöst.
Dieses Verhalten hat übrigens nichts mit Hilflosigkeit zu tun, sondern mit der simplen Tatsache, dass man sich der Belästigung nicht länger aussetzen will.

Sage es so laut, dass es demjenigen peinlich ist – DU brauchst dich dabei für gar nichts zu schämen.

By the way:
Als ich das Thema kurz in den Instagram Stories ansprach, schrieben mir eine Frauen, dass sie per WhatsApp oder Mails belästigt werden.
Da hilft nur eins: Blockieren. Und zwar auf allen Kanälen.

An dieser Stelle eine weitere eindringliche Bitte:
Beobachtest du eine Situation, in der jemand belästigt wird, dann schaue nicht weg, sondern traue dich, laut etwas zu sagen (z.B. „Belästigt dich der Mann? Kann ich helfen?„) und/oder fordere die Umstehenden zur Mithilfe auf („Sie, der Herr mit der blauen Jacke, bitte rufen Sie die Polizei„.).
Alleine das Bloßstellen schreckt enorm auf und hilft in den meisten Fällen.

4. Bleibe hinterher so unbeeindruckt wie nur möglich.

Dieser Punkt ist beinahe der Wichtigste:
So, wie jede von uns eine andere Wahrnehmung, eine andere Sensibilität und eine andere Vergangenheit hat, kann ein solches (vielleicht nach Außen gar nicht so spektakuläres, aber für dich dennoch sehr ekliges) Erlebnis unterschiedlich belastend sein.

Vielleicht ist dein Abend danach gelaufen, vielleicht musst du plötzlich sehr weinen oder entwickelst sogar Ängste.
Vielleicht bist du nicht mehr so vertrauensvoll Männern gegenüber, vielleicht fühlst du dich nicht mehr sicher, wenn du alleine im Dunklen unterwegs bist, vielleicht ist deine Unbeschwertheit weg.

Das ist genau das, was diese Energien wollen: Dich deiner Freiheit, deiner Lebensfreude und deiner Kühnheit berauben.
(Wer keine Lebensfreude hat = hat keine Power).

Nach so etwas gilt also Folgendes:

Erstens.
Du sollst dich nicht verantwortlich fühlen.
Ob du etwas gesagt hast, oder stumm da gestanden bist, ob du völlig überfordert warst oder erst viel später realisierst, was tatsächlich passiert ist, spielt keine Rolle.
Du bist nicht Schuld an der Situation.
Du bist auch nicht „zu empfindlich“ oder „stellst dich an.“ – wenn du es eklig fandest, WAR es eklig.

Zweitens.
In einer solchen Situation wollen die Vibes vor allem eins:
Dich nachhaltig und dauerhaft belasten.

Das umgehst du nur, wenn du der Person so schnell wie möglich vergibst – das ist essentiell, sonst wirst das Erlebnis nie los (wie Vergeben genau geht, steht hier.)
Danach lässt du das Erlebte hinter dir und fokussierst dich bewusst auf deine Stärke, deine Schönheit und deine Liebe.
Selbst, wenn du erstmal dabei weinen musst. Weinen ist nicht schlimm.

 

Bewege es nicht gedanklich „Was hätte alles passieren können?„, analysiere es nicht (auch, wenn es sich anbietet), sondern konzentriere dich wieder auf das Wichtigste:
Du, voller Selbstwürde, voller Autorität, voller Stärke.

Solltest du dich dennoch 2 Tage lang schlecht fühlen, ist auch das überhaupt nicht schlimm – du sollst dir deswegen keinen zeitlichen Druck machen.
Du nimmst dir so viel Zeit, wie du brauchst.

 

Alles, was ich will, ist, dir ein Handwerkzeug zur Verfügung zu stellen, wie du solche Ereignisse souverän meisterst.
Du weißt nun, dass du nicht die Einzige bist und nicht daran Schuld.
Dir ist klar, dass es hierbei um das männliche Ego und Machtgehabe geht – und nicht um einen harmlosen Flirt oder echtes Interesse als Frau an dir.
Du lernst vorab klare, kurze und selbstbewusste Aussagen zu treffen – Kopf hoch, Brust raus, Schultern nach hinten, laut und deutlich sprechen.
Du bittest notfalls jemand anderen um Hilfe.
Du weigerst dich, gedanklich lange darin zu verweilen, weil dir klar ist, dass hier Energien im Spiel sind, die dich dauerhaft belasten wollen: Du vergibst, so schnell, wie es dir möglich ist.
Du fokussierst dich wieder. Du geniesst dein Leben.
Du lässt nicht zu, dass Angst deinen Tag bestimmt, wenn du doch die Liebe bist.

Punkt 4 (Vergeben, Hinter sich Lassen, Fokussieren) gilt übrigens auch, wenn das Erlebte schon vor langer Zeit passiert ist.
Das machst du dann genau so.

Und wenn du weinen musst, ist das auch überhaupt nicht schlimm.

Liebesgrüße
Joanna

You Might Also Like

vor
zurück

12 Comment

  1. Reply
    Marina
    27. August 2020 at 10:27

    …es geht immer um die Energie dahinter! Ja, Danke!

    1. Reply
      Joanna
      28. August 2020 at 7:53

      So gerne!

  2. Reply
    Angelika Offer
    27. August 2020 at 12:28

    Liebe Johanna, dieser Text ist ein MUSS für alle Frauen! Gratuliere zu diesen Worten!

    1. Reply
      Joanna
      28. August 2020 at 7:53

      ❤️

  3. Reply
    Maria
    27. August 2020 at 15:48

    Hey Joanna,

    das hast Du etwas ganz wichtiges geschrieben: „Bewege es nicht gedanklich […], analysiere es nicht (auch, wenn es sich anbietet), sondern konzentriere dich wieder auf das Wichtigste“ — das ist allgemein so bedeutsam: Sich nicht darin zu vergraben, eine Geste/ein Wort/eine Handlung von einer anderen Person zu analysieren und sich dadurch nur noch mehr in die Gedankenspirale hineinzusteigern „dieser böse Mensch – ich armes Opfer“.
    Erstens ist dieses Analysieren gar nicht nötig, weil man ja zuvor schon empfunden/wahrgenommen hat, dass da etwas nicht in Ordnung war. Man braucht sich überhaupt nicht mehr gedanklich zu „beweisen“, dass die Empfindung auch tatsächlich angemessen und „richtig“ gewesen wäre. (Außer man hat vielleicht wirklich eine gravierende Wahrnehmungsstörung, einen Komplex o. ä., den man krankhaft permanent auf andere überträgt. Dann sind gewisse Reflektionen hilfreich und nötig. Aber über so etwas sprechen wir ja jetzt nicht.)
    Zweitens hindert das Analysieren einer negativen Situation bis ins kleinste Detail nur daran, wahrhaft zu vergeben oder vergeben zu können. Denn auf einmal stehen einem so viele, gewichtige Gründe und Bewertungen vor Augen, die es nur allzu plausibel erscheinen lassen, den anderen zu hassen. Kaum entschließt man sich, zu vergeben, schießt einem schon einer der zig Gründe, die man analytisch erfasst hat, durch den Kopf, der einem demonstriert: „Aber der/die da hat Dir doch so Schlimmes angetan, Du arme musst jetzt darunter leiden, wie konnte er/sie nur usw.“
    (An dieser Stelle: Danke für den Hinweis auf Deinen Artikel darüber, wie Vergebung „geht“! Hab ihn gerade nochmal durchgelesen und nochmal so viel daraus mitgenommen. Dachte mir so: Viel von dem, was Joanna hier sagt, steht doch in der Bibel, warum weiß ich das nicht so klar oder warum lebe ich das nicht einfach selbst schon längst? 😀 )
    Analyse einer negativen Situation ist nur dann sinnvoll, wenn sie dazu dient, gemeinsam mit dem anderen Probleme anzusprechen, nach Ursachen von Problemen zu suchen und Lösungen zu finden. Nur dann ist das Analysieren einer negativen Situation konstruktiv. (Das setzt natürlich Einiges, auch von Seiten des anderen, voraus, und ist wohlgemerkt ein gemeinsames Unterfangen, gegebenenfalls noch mit zusätzlicher Hilfe von außen.) Aber für sich alleine herumzugrübeln und darüber zu sinnieren, warum und inwiefern der andere jetzt so böse ist, oder nur, um später sein (ach, so schlimmes) Leid seinen Freundinnen oder sonst wem zu klagen und auszufalten, ist wirklich nicht konstruktiv, sondern sogar schlichtweg destruktiv, weil es die Gabe der Vergebung, die wir in uns tragen, jedes Mal, wenn sie emporsteigt, im Keim zu ersticken versucht.

    Daher auf jeden Fall Danke für Deinen Liebesdienst, und Deinen Einsatz für die Vergebung! Ist leider wirklich ein kaum rezipiertes Thema in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien, obwohl sie der Schlüssel für so vieles ist.

    Ganz liebe Grüße

    Maria

    PS: Habe hier noch nie kommentiert, bin generell kaum in sozialen Medien aktiv. Bin aber schon vor längerem auf Dich gestoßen (durch die Videos von Jil, glaube ich) und jetzt hat es mich doch in den Fingern gejuckt, meine Eindrücke zu ergänzen und Dir dabei auch ein Dankeschön auszusprechen.

    1. Reply
      Joanna
      28. August 2020 at 7:52

      Ja, so ist es.
      Vielen Dank <3!

  4. Reply
    Charlotte
    27. August 2020 at 20:28

    Wichtig ist auch, die andere Person immer zu siezen und nicht zusagen „lass dass“ sondern „lassen sie das“ – auch wenn man von der Person geduzt wird. Erstens stellt das Distanz her und zweitens ordnen umstehende nicht als Beziehungsstreit ein, wenn sie es mitbekommen und schreiten eher ein und haben nicht die Absicht sich „nicht einzumischen „

  5. Reply
    Susanne
    27. August 2020 at 20:59

    Absolut perfekte Anleitung!

    1. Reply
      Joanna
      28. August 2020 at 7:53

      ❤️

  6. Reply
    andrea
    29. August 2020 at 11:18

    Danke Joanna, habe es meiner Tochter geschickt, damit sie besser vorbereitet ist als ich mit 20. Als ich jung war konnten Vorgesetzte noch verbal übergriffig werden ohne Konsequenzen. Meine Eltern sagten mir damals: Verhalte dich still und gehe ihm aus dem Weg ( mein damaliger Chef). Die Zeiten sind hoffentlich vorbei.

    Liebe Grüße

  7. Reply
    Frauke
    29. August 2020 at 22:48

    Bei mir ist es viel weiter gegangen. Ein Mann wurde übergriffig. Ich habe viele Jahre gebraucht, um das aufzuarbeiten. Dann hat er einen Brief von mir bekommen, weil ich heraus finden konnte, wo er wohnt. Da stand drinnen, dass das unrecht war. Das tat so gut! Ich habe ihm die Geschichte und die Schuld in den Briefkasten geworfen. 20 Jahre später. Seid dem bin ich frei. Soll er doch damit Leben.
    Es ist egal, wie lange es dauert. Aber es geht! Ich fühle mich tatsächlich völlig frei seid dem!
    Was mir geholfen hat war der Satz: Frage dich nicht ewig, wie du als Pinguin in die Wüste gekommen bist, mache dich wieder auf den Weg, zum Wassert!
    Toller Text! Vielen Dank!

  8. Reply
    Melanie
    24. September 2020 at 21:59

    Ich glaube das war der wichtigste Post, den ich je von dir gelesen habe. DANKE!

Schreibe einen Kommentar