Family

Liebesbotschaft Daily: Homeschooling mit Samuel.

 

Emilia, meine jüngere und einzige Schwester, ist nicht nur einen Kopf größer als ich, wunderschön, smart und tatkräftig, sondern hat obendrauf denselben Beruf ergriffen, den meine Eltern vor ihren Pensionierung ausgeübt haben:
Sie arbeitet als Lehrerin.

Emi ist ein Macher.
Alles, was sie macht, macht sie hervorragend – und dementsprechend exzellent fällt ihre Arbeit aus: von ihren Schülern wird sie geliebt, von den Eltern respektiert, von der Schulleitung wertgeschätzt.

 

Aufgrund der momentanen Situation schließen am Dienstag alle Schulen in Berlin, was bedeutet, dass meine Schwester ab sofort bergeweise Material für ihre daheim gebliebenen Schüler vorbereiten muss.
Die Menge ist unüberschaubar groß, und wäre selbst bei völliger Konzentration kaum zu schaffen, aber da ist noch Samuel.
Ein aufgeweckter, wissbegieriger und naturverbundener 7-Jähriger, der gleichermaßen unterrichtet werden muss.
Von seiner Mutter. Der Lehrerin.

Das ist zum Glück täglich Brot meiner Schwester, überhaupt kein Problem und nichts, was sie nicht seit Jahren im Schlaf könnte.
Außerdem ist es daheim so viel gemütlicher: Emilia freut sich auf den entspannten Morgen ohne Zeitdruck, Kaffeetasse in der Hand, ungeschminkt, die Haare zu einem lässigen Knoten gebunden, immer noch in Pyjamahose.

Homeschooling ist wunderbar.

Samuel hat erstmal Hunger, und wünscht sich einen Toast mit Honig „wie Puh, der Bär“.
Emilia nimmt ihren Kaffee an den Tisch, und breitet die Blätter aus: Heute soll die Buchstabenkombination „St“ geübt werden.
„St“ wie Stulle.
Samuel fällt ein, dass er unbedigt eine Stulle als 2. Frühstück will, er habe sowieso noch Hunger.
Emilia schmiert das Brötchen, während sie ihren Sohn dazu anhält, die Buchstaben nachzuzeichnen.

Samuel will dazu „Bitte einen Nachtisch, wie bei Oma, okay?“, und dann will er etwas trinken.
Meine Schwester verdreht innerlich die Augen, zweifelt daran, dass Oma bereits morgens Desserts serviert (wobei: die Wahrscheinlichkeit ist hoch), stellt ihrem Sohn ein Glas Wasser hin und fängt an, die Unterlagen für ihre Schüler vorzubereiten.
Samuel studiert währenddessen eingehend die Beschaffenheit der Zimmerdecke, baumelt kräftig mit den Beinen und betrachtet das Blatt, das vor ihm liegt.
Emilia ermahnt ihn, weiter zu machen.
Samuel kritzelt ein bisschen an den Buchstaben, und fragt seine Mutter, ob es den Big Foot wirklich gibt.
Und Loch Ness, gibt es den auch wirklich?
Außerdem will er wissen, warum sie die Farbe Weiß mag. „Weil Jesus aus Schwarz Weiß gemacht hat, Mama?“
Emilia fragt sich im Stillen, wie zur Hölle das religiöse Thema aufkam, und hatte Jesus nicht eher Wasser zu Wein…?
Sie schickt mir einen Hilferuf via WhatsApp, ich schlage vor, dass sie Samuel lieber wieder sein Schnitzmesser geben soll.

Meine Schwester vertieft sich erneut in die Unterlagen ihrer 6.-Klässler, Samuel hat 20 Minuten später erst 2 Buchstaben im Zeitlupentempo nachgezeichnet.
Er könne auch nicht mehr, erklärt Samuel, ihm sei kalt und Hunger habe er auch wieder.
Emilia unterdrückt ein genervtes Seufzen, lässt ihren Sohn einen Pullover anziehen und stellt ihm einen Teller mit Apfelschnitzen (wichtig! Mit Schale!) und Orangen (wichtig! Geviertelt!) hin.

Samuel beschließt, dass „jetzt Hofpause ist.“
Da meine Schwester allerdings keine Pausenglocke griffbereit hat, verlängert sich die Hofpause nun mal, erklärt ihr Sohn inbrünstig.
Die Pause fällt entsprechend doppelt so lange aus.

Emilia macht eine Waschmaschine an, und setzt sich an ihre Unterlagen.
An Konzentration ist allerdings nicht zu denken, denn mein Neffe beschließt, seine Unterrichtsstunde mit musikalischer Begleitung zu untermalen.
Das findet seinen Ausdruck im lauten Singen von “ Jolene“ – das Lied entdeckte er einst im Radio, seit diesem Tag liebt er Country Music.
Natur und Country Music – meine Schwester malt sich innerlich aus, wie es wäre, ihr Kind nach Kanada zu verschicken.
Ruhiger wäre es.
Sie filmt das Geschehen, schickt mir das Video und fragt, wie es sein kann, dass sie mühelos 24 Kinder managt, aber mit ihrem eigenen vollkommen überfordert ist.

 

Samuel erklärt seiner Mutter, dass er sich auf diese Weise überhaupt nicht konzentrieren könne, er brauche mehr Licht, und außerdem wolle er beim Lernen in die Natur schauen.
Er platziert einen Sitzsack vor die bodentiefen Terrassenfenster, legt sich bäuchlings drauf, und betrachtet verträumt den sonnigen Garten.
Emilia erklärt ihm, dass – wenn er weiterhin so trödelt – sie auf jeden Fall die Zeit nachholen müssen.
Ihr Sohn entgegnet entrüstet, dass er auf seine Schulpause auch nicht verzichten muss, wenn er in der Schule mal nichts macht.
Toll, das hat er schnell herausbekommen.
Meine Schwester versucht es mit Motivation: „Wenn du das jetzt schaffst, dann machen wir…“.
Samuel entgegnet, das sei Erpressung, und so ginge man mit Kindern nicht um.

Danach ist Mathe dran, und Emilia verzweifelt, denn ihr Sohn versteht die Aufgabe nicht.
Sie versucht es zunächst mit Holzwürfeln, dann mit Legofiguren: Selbst nach wiederholtem Erklären scheint er es nicht zu erfassen.
Emilia wird ungeduldig und genervt, sie kann nicht glauben, wie schwer vom Begriff ihr eigenes Kind ist.
Samuel erklärt seiner Mutter, dass sie „nicht so mit mir sprechen musst. Vorhin warst du so lieb zu mir und jetzt? Du kannst auch nett sagen, dass ich das rechnen soll.“
Außerdem habe er wieder Hunger.
Emilia fragt sich, wann das bestellte „Gewaltfreie Erziehung“ – Buch endlich ankommt.

Mein Neffe wünscht sich „die durchsichtige Suppe mit Nudeln wie bei Oma“ (= Rosół), meine Schwester erklärt ihm, dass es ganz bestimmt kein Rosół geben wird, schließlich seien sie wegen den Corona-Maßnahmen daheim, und nicht, weil sie krank sind und zur Genesung Hühnerbrühe bräuchten.
Sie holt die Wäsche aus der Maschine, kocht Hähnchen mit Kokosmilch, bereitet Joghurt mit Mango und Honig als Nachtisch zu (wie bei Oma.), und findet eine Lern-App, die perfekt zu Samuels Mathebuch passt.

Es ist bereits 3 Uhr nachmittags, Emilia trägt immer noch ihre Pyjamahose und den Dutt, ist weiterhin ungeschminkt, und fühlt sich wie eine stillende Mutter (ständige Fütterung), die den Tag ausschließlich zwischen Küche, Home Schooling, Waschmaschine, und Home Office verbracht hat.

Samuel hat währenddessen Spaß mit der App und bekommt eine pädagogisch fragwürdige Dinosaurier-Belohnung, wenn er mit allem fertig wird.
Er wird mit allem fertig.

Nach dem für beide herausforderndem Tag kämmt Samuel als Friedensangebot seiner Mutter die Haare und will danach mit den Dinosauriern in die Badewanne, „Weil es mit dir so anstrengend war, Mama.“
Außerdem hätte er gerne Brote mit Ei und Tomate.
Wie bei Oma.

Homeschooling Day 1:
1. Lehrer sind die schlimmsten Mütter.
2. Oma hat uns alles versaut.
3. Manipulation und Bestechung auch in Zeiten der Krise ein bewährtes Erziehungsmittel.

Und das war erst der 1. Tag, nicht die ganze Woche…

 

 

Liebesgrüße
Joanna

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27 Comment

  1. Reply
    Jenny
    18. März 2020 at 9:02

    Genau so lief es gestern auch bei mir ab Und am Abend noch eine PowerPoint mit dem Großen fürs MSA bearbeitet, yeah✌Ich war abends fix und foxy. Das ist schlimmer als der normale Alltagswahnsinn

  2. Reply
    Verena
    18. März 2020 at 9:12

    Oh mein Gott (das meine ich wörtlich ) danke für das herzliche Lachen voller Mitgefühl, Eingeständnis, Zuneigung und Liebe sowohl Mutter, als auch Sohn und dir Joana sowieso gegenüber, die mir diese Zeilen gerade herausgelockt haben. Das tut so unfassbar gut in herausfordernden Zeiten wie diesen…. Danke, Danke, Danke
    Verena, dreifach Mama (2,4,6), bekennende Liebesbotschafterin

    1. Reply
      Joanna
      18. März 2020 at 9:51

      Sooo gerne <3

  3. Reply
    Nele
    18. März 2020 at 9:24

    Huhu!
    Ich fühle mit deiner Schwester. Ich bin such Lehrerin, muss auch Arbeitsmaterial vorbereiten und habe auch einen Sohn, der ist allerdings schon 10 und in der 4. Klasse. Von seiner Lehrerin hat er unheimlich viele Aufgaben bekommen, aber mein Sohn fühlt sich eher wie in den Ferien . Was sonst super klappt mit den Hausaufgaben, ist jetzt echt nur mit massivem Druck zu bekommen… Ich bin heute schon 1x ausgeflippt und es ist noch nicht mal halb 10. liebe Grüße an deine Schwester: I feel her!!!
    Alles Liebe Nele

  4. Reply
    Ulrike
    18. März 2020 at 9:31

    ❤️❤️❤️ Danke!!!!! Das hat meinen Tag heute schon gerettet

    1. Reply
      Joanna
      19. März 2020 at 12:26

      ❤️

  5. Reply
    Hanna
    18. März 2020 at 10:05

    Aber was können wir alle von Samuel lernen? Das schöne Frühlingswetter genießen, herrlich!

    Warme Grüße mit ganz viel Sonnenschein

    Hanna

  6. Reply
    Tanja
    18. März 2020 at 10:08

    Wie immer soooo toll geschrieben. Ich liebe deine Texte die so herrlich aus dem Leben kommen aber immer Freude und Liebe ausstrahlen.

  7. Reply
    Anka
    18. März 2020 at 10:14

    Day 4 in Bayern. Ich sehne mich nach meinem Büro und ungestörtem Arbeiten!!!

    1. Reply
      Joanna
      19. März 2020 at 12:26
  8. Reply
    Petra von FrauGenial
    18. März 2020 at 10:23

    Kinder können aber auch kleine Biester sein…die aber einen einfach auch zum Schmunzeln bringen in ihrer Gelassenheit und ihrer Ehrlichkeit!

  9. Reply
    Indre
    18. März 2020 at 10:37

    Liebe Joanna, liebe Emilia,

    Vielen Dank für diesen Einblick in diesen Tag! Es ist verdammt beruhigend zu sehen, dass nicht alle dieses „Endlich haben wir mal Zeit für andere Dinge! toll, dass wir zusammen lernen können. So viele lustige Familienmomente!“ Hier ist es alles andere als lustig! Ich liebe meine zwei Kinder und ich bin so unendlich stolz auf sie, wir haben gemeinsam schon so viel geschafft. Sind immer wieder gemeinsam aufgestanden und das werden wir sicher auch diesmal! Aber Bis dahin werden wir sicher noch eine Menge „Spaß“ haben.
    Mein Sohn ist 14, vollständig in der Pubertät, gepaart mit ADHS eine recht explosive Mischung. Wir haben beim Lernen viele Ortswechsel, viele Hofpausen und viele komische Wörter! Aufgaben erledigen neben Mami am Schreibtisch ist irgendwie uncool. „Ich bin keine 5 mehr, ich brauch keine Kontrolle!“
    Meine Tochter, fast 19 (keine Geburtstagsparty nächste Woche) steckt mitten im Abi. Ihrem ausgeprägten Perfektionismus tut die Zwangspause nicht gerade gut. „Die drei Wochen fehlen mir doch dann im Abi. Ich könnte meine Noten noch verbessern (Notendurchschnitt 13/14 Punkte). Wir haben keinen offiziellen letzten Schultag…“ sie macht Zusatzleistungen, bei denen ich ihr gerne helfe. Denn das Abi findet ja Gott sei Dank trotzdem statt!
    Ach ja, ich habe ja auch noch einen Vollzeitjob. Zwar kann ich keine Schulungen abhalten und bin im Zwangshomeoffice und kann neue Konzepte entwickeln, aber dafür bedarf es Ruhe. Natürlich bekommen wir das irgendwie hin. Mit vielen Gesellschaftsspielen einen geregeltem Tagesablauf und viel Geduld mit uns. Wir waren sogar an der Schule und haben die Pausenglocke aufgenommen für Hofpausen zur richtigen Zeit. Heute habe ich die Kinder mit Nana Mousskuri und frischem Kaffee geweckt. Wir haben einen Plan mit Aufgaben und festen Zeiten gemacht. Und ja, sie hassen mich jetzt für die Musik am Morgen, aber mit Kaffee und Liebe kommen wir hoffentlich etwas fröhlicher durch den Tag!

    Alles Liebe und Danke für diesen tollen Samuelalltag!
    Indre

    1. Reply
      Sandra
      18. März 2020 at 12:09

      Den Nana Mouskuri durfte ich sigar an meinem Hichzeitsmorgen hören! Mütter sund doch alle gleich…

  10. Reply
    Stefanie
    18. März 2020 at 11:11

    Danke, Danke, Danke! Ich bin nicht alleine! Es fühlt sich wunderbar an, nicht alleine zu sein. ❤️❤️ Steffi (Mama von Tim, fast sieben. )

  11. Reply
    Jessi
    18. März 2020 at 11:14

    So schön , deiner Schwester weiterhin viel Erfolg

  12. Reply
    Andrea
    18. März 2020 at 11:56

    Hello!
    True Story! Ich hab das in zweifacher Form. Das zerrt an den Nerven…
    aber hilft ja nix. Eine göttliche Erzählung, ich musste so lachen!
    Ganz liebe Grüße aus der Homeschooling Hölle!

    Andrea

  13. Reply
    Judith
    18. März 2020 at 12:34

    Gut zu wissen, dass es allen so geht. Wir haben heute nach dem Frühstück alles aufgeräumt, gestaubsaugt, Bad geputzt, Knete gespielt, noch mal gestaubsaugt, das Bällebad aufgebaut und den Tisch für das Basteln vorbereitet. Und dann war es neun…

  14. Reply
    Angelika
    18. März 2020 at 13:12

    Herrlich geschrieben….. ❤️ DANKE für diesen Einblick!

    1. Reply
      Joanna
      19. März 2020 at 12:25

      Ich hatte auch Spaß beim Schreiben ;).

  15. Reply
    Antje
    18. März 2020 at 18:16

    … vielleicht wäre es am besten die Kinder zu fragen, was sie lernen möchten?

    Dann ginge das Lernen mit entsprechenden Angeboten fast von alleine und mit Freude, die Grundvoraussetzung für gelungenes nachhaltiges Lernen…

    Zum Glück gibt es Nachtisch wie bei Oma!

    Liebste Grüße an alle Kinder und Eltern
    Antje (die ihren Sohn beim „Schulprogramm für zu Hause“ unterstützt, zum Glück gibt es auch Aufgaben, die Spaß machen, da kann ich dann andere Dinge tun)

  16. Reply
    Sandra J.
    18. März 2020 at 18:39

    Ach, so herrlich! danke! Ich hab´ Tränen gelacht und fühle mit …
    Mir geht es auch so …. hatte heute noch zwei Nachbarskinder da… die beiden waren echt fleißig, nur meine beiden…
    Alles wird gut! Wir schaffen das!

  17. Reply
    Astrid
    18. März 2020 at 19:13

    Es ist beruhigend zu lesen, dass es überall anders gleich ist. Mein Sohn wird 12 und ist der Meinung er hat Ferien. Das sehen seine Lehrer leider nicht ganz so. Und so diskutieren wir täglich über das Pensum das erledigt werden muss. Abgabetermine müssen eingehalten werden, zusätzlich Referate und Gemälde vorbereitet, nebenher komm ich mir vor wie ein 24 h Takeaway der Lieblingsspeisen und Snacks und ach ja, arbeiten sollte ich doch bitte auch noch von daheim. Buchhaltung, geht easy nebenher … nicht! Welcome to the Jungle 🙂

  18. Reply
    Stephanie
    19. März 2020 at 6:38

    Liebe Joanna,

    dein Text lässt schmunzeln, regt aber auch zum Nachdenken an.
    Meine Kinder sind erwachsen, aber ich bin Schulleiterin und unterrichte Deutsch in einer zuckersüßen 1.Klasse. Auch ich habe meinen Schülern ( deutlich reduziertes ) Material mitgegeben und kommuniziere täglich mit Eltern und Schülern.
    Du hast mir noch einmal bewusst gemacht wie herausfordernd die Tage daheim sind.
    Ergo: Ich werde für meineLütten ein lustiges Video mit meinem Schulhund aufnehmen, denn das einzige was in dieser Situation hilft, ist Humor, gute Nerven und Liebesbotschaft!

    Danke!!

    1. Reply
      Joanna
      19. März 2020 at 7:04

      Was für eine schöne Idee!
      Die Kinder werden es LIEBEN!

      1. Stephanie
        19. März 2020 at 13:44

        ;-))) und du hast den Impuls gegeben!!

  19. Reply
    Claudia
    19. März 2020 at 10:24

    Einfach nur : DANKE ! !! Was hab ich gelacht……solche Geschichten brauch gerade jeder 🙂

    1. Reply
      Joanna
      19. März 2020 at 12:25

      Das war mein Ziel :)))!

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